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JG. 6 | 2014 | NR. 1

Vorbemerkung des Autors zum Neudruck des nachfolgenden Aufsatzes

Schulgebäude sind in Deutschland selten komplexer diskutiert worden, als 1951 beim
Darmstädter Gespräch Mensch und Raum, – und, was die theoretische Reflexion dessen
angeht, was Architektur im gesellschaftlichen Spannungsfeld ist und sein kann, nie geistvoller! Das macht die Bedeutung dieser Tagung aus, jenseits ihrer Einbindung in die
Wiederaufbauzeit der alten Bundesrepublik, deren Eckpunkte dem Folgenden kurz vorangestellt seien.
Das Symposium wurde in Erinnerung an die Darmstädter Ausstellung Ein Dokument
deutscher Kunst von 1901 veranstaltet, die dem Jugendstil und damit letztlich auch der
Moderne des 20. Jahrhunderts in Deutschland zum Durchbruch verholfen hatte. Vor allem
aber markierte die Darmstädter Tagung von 1951 in der sich zuspitzenden ersten Phase des
Kalten Kriegs selbst eine wichtige Etappe bei der Formierung der westdeutschen Architekturdiskussion. Just zum Jahreswechsel 1950/51 war die Bauakademie der DDR aus der
Taufe gehoben worden, die das Bauwesen zentralistisch auf den neoklassizistischen Kurs
Moskaus bringen sollte. Einer der wichtigsten Berliner Architekten auf der Darmstädter
Tagung, Hans Scharoun (1893–1972), hatte mit dieser Weichenstellung seine leitende
Mitarbeit am Ostberliner Institut für Bauwesen aufgekündigt und sich mit seinen Mitarbeitern
ganz auf sein Westberliner Standbein, den Lehrstuhl für Städtebau an der Technischen
Universität Charlottenburg zurückgezogen.
Von den verantwortlichen Organisatoren der Darmstädter Tagung, die unter der Obhut des
Deutschen Werkbundes stand und von der Stadt Darmstadt ausgerichtet wurde, waren im
Vorfeld der Tagung bei ausgewählten Architekten Schulentwürfe in Auftrag gegeben worden.
Einige dieser Schulen wurden für in Darmstadt ausgewiesene Grundstücke entworfen und
stehen, soweit sie realisiert wurden, längst als bedeutende Zeugnisse der Epoche des
bundesrepublikanischen Wiederaufbaus unter Denkmalschutz.
Unter den nicht realisierten Entwürfen ragt Hans Scharouns Entwurf für eine Volksschule
durch seine Konzeptualität hervor. Scharoun ist nachmals vor allem durch den Neubau der
Berliner Philharmonie bekannt geworden, deren Eröffnung 1963 schon im Schatten der zwei
Jahre zuvor errichteten Berliner Mauer stattfinden sollte. Vom Tag der Einweihung an galt
der Philharmoniebau mit seiner zeltartigen Silhouette, der gelbgoldenen Außenhaut und

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ZEITSCHRIFT ÄSTHETISCHE BILDUNG (ISSN 1868-5099)
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seinen expressiven Formen auch als ein politisches Bekenntnis für ein radikal idealistisches
und freies Denken, das dem Selbstverständnis des westlichen Berlin entsprach.
1951 war Scharouns Schulentwurf für Darmstadt noch der am meisten umstrittene, und zwar
gerade wegen seiner idealistischen Überhöhung des Bildungsgangs der Schüler, der sich
nach dem Willen des Architekten als eine Art Initiationsweg in der linearen und zugleich
gebrochenen Gruppierung der Schultrakte und ihrer räumlichen Differenzierung abzeichnen
sollte. Beides führte zu offenen, expressiven, vielfach ineinander verschachtelten und
zugleich wachstumsartig auseinander hervorstrebenden Grund- und Aufrissformen. Sie
wirken noch heute bei der Betrachtung der in Scharouns Nachlass an der Berliner Akademie
der Künste überlieferten Ausstellungstafeln und des Originalmodells befremdlich.
Befremdlich empfanden den Entwurf auch viele der Zeitgenossen: Mit dem Erscheinungsbild
eines Eisenbahnunglücks soll der scharfzüngige Rudolf Schwarz (1897–1961) ihn auf der
Darmstädter Tagung verglichen haben. So zumindest überlieferte es dessen Ehefrau, die
Architektin Maria Schwarz, geboren 1921, dem Autor dieser Zeilen in den späten 1990er
Jahren. Der aus dem Rheinland stammende Katholik Schwarz, der vor allem als Kirchenbauer hervorgetreten war, hatte für Darmstadt – unter der Mitarbeit seiner Ehefrau, vor 1951
noch Maria Lang – eine Mädchenschule entworfen. Deren erheblich ruhigere Grundrissformen waren leichter vermittelbar als diejenigen des Entwurfs von Hans Scharoun.
Zur Verwirrung der Darmstädter Tagungsteilnehmer dürfte auch der Umstand beigetragen
haben, dass die Schemazeichnungen, anhand deren Scharoun seinen Entwurf mündlich
erläuterte, anders als die in der Ausstellung hängenden, auf dem Kopf standen. Sie zeigten,
den im Westen liegenden Zugang zur Schule als oberen Abschluss der langgestreckten
Anlage, was, trotz Scharouns Beanstandung, in die offizielle Publikation der Darmstädter
Tagung übernommen wurde. Den Klassentrakt für die älteren Schüler nebst einem "kosmischen Raum“, der den Clou des Entwurfes bildet, liegen auf den kopfüber gedrehten
Zeichnungen jedoch am unteren Rand. „Man steigt also jetzt“, so Scharoun in seiner
Darmstädter Erläuterung „nicht gewissermaßen von der Erde in den Himmel hinauf, sondern
fällt von der Geburt in den Tod hinunter – also ist es dort [auf den Schemazeichnungen,
M.S.] gerade umgekehrt gemacht, wie es eigentlich beabsichtigt war.“i1 Die Baumstruktur
des Grundrisses, die von unten nach oben, vom Einfachen zum immer Komplizierteren und
Differenzierteren geht, war so nicht, oder nur erschwert erkennbar.
Der nachfolgende Beitrag, der Scharouns Darmstädter Wettbewerbsbeitrag erstmals
eingehend analysiert, wurde 1998 für einen Sammelband zum Darmstädter Gespräch
verfasst und wird hier weitgehend unverändert wieder zum Abdruck gebracht.2 Nicht
1
2

Scharoun in Bartning: Gespräch, S. 167.
Bender / May: Architektur der fünfziger Jahre.

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verändert wurden auch die seinerzeit dem Text vorangestellte Widmung an Scharouns
frühen Schüler und Mitarbeiter, den damals noch – in bescheidenen Verhältnissen in Berlin –
lebenden Architekten Chen Kuen Lee (1915–2003), und das Motto, dessen Wahl Scharouns
Entwurf den okkult-religiösen Aspekten des Richard Wagnerschen Musikdramas wie
überhaupt dem Gesamtkunstwerksdenken des 19. Jahrhundert assoziieren möchte. Jenseits
der Amalgamierung fernöstlicher Vorstellungen in seinen Entwurf knüpft die explizite
Verschränkung von Raum und Zeit im „kosmischen Raum“ von Scharouns Schulentwurf an
die Kultbauten des deutschen Expressionismus an. An erster Stelle sind hier natürlich
diejenigen des um eine gute halbe Generation älteren Bruno Taut (1880–1938) zu nennen,
dem sicherlich wichtigsten Inspirator Scharouns, mit dem er insbesondere in der Zeit
unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in engstem Austausch gestanden hat. Ganz sicherlich kannte Scharoun auch den Entwurf für eine Hagener Folkwangschule, die Bruno Taut im
Jahr 1920 für seinen Mäzen, den Unternehmer Karl Ernst Osthaus (1874–1921) zeichnete
und publizierte. Sie gruppierte Schul-, Familien- und Werkgebäude – es handelte sich um
das Konzept einer Art Arbeitsschule im Sinne Georg Kerschensteiners, mit dem Gedanken
von Schulfamilien à la Gustav Wyneken verbunden – um einen zentralen gralartigen
Glasbau als Versammlungsraum, der in Vielem dem Scharounschen „kosmischen Raum“
von 1951 entspricht.
Eines ergänzenden Nachtrags für den Neudruck bedarf aber insbesondere das inzwischen
berühmt gewordene Wort von den (Menschen-)Tieren, die ohne die Irritationen, die Intellektualität und Konzeptualität verursachen, immer nur schliefen. Mit ihm war der spanische
Gelehrte Ortega y Gasset (1883–1955) Scharoun beim Darmstädter Gespräch beigesprungen, um die sich anbahnende Verengung der Diskussion zwischen dem Traditionalisten Paul
Bonatz (1877–1956) und Hans Scharoun schließlich durch einen Lacherfolg zu sprengen.
Niemand anderes als Martin Heidegger hat diese Worte in einer Erinnerung an Ortega, die er
nur wenige Jahre später, 1955 (erschienen 1956) für die Zeitschrift Clavileňo verfasste, auf
sich und seinen eigenen Darmstädter Auftritt bezogen haben wollen.3
Heidegger hatte bei der Tagung von 1951 seinen Vortrag Bauen Wohnen Denken gehalten,
der bis heute zu den meistgelesenen – und nach wie vor rätselhaften – philosophischen
Texten in Theorieseminaren an Architekturfakultäten weltweit gehören dürfte. Heideggers
Übertragung – der Begriff kann hier durchaus in der psychoanalytischen Dimension des
Wortes verstanden werden – eines auf Scharoun und seinen Entwurf gemünzten Wortes auf
sich und seinen Darmstädter Vortrag ist umso erstaunlicher, als man den Schwarzwaldhof,
anhand dessen er in seinem Vortrag die Identität von Bauen, Wohnen und Denken ‚fundamentalontologisch‘ zu belegen versuchte, weit eher dem Referenzraum eines Paul Bonatz
und eben jener traditionalistischen Stuttgarter Schule von Architekten zuordnen würde, der
3

Vgl. hierzu Heidegger: Begegnungen, S. 127.

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dieser entstammte, als dem vom revolutionären Berliner Expressionismus und der sogenannten Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre herkommenden Scharounschen EntwurfsdenEntwurfsdenken. Gegenüber dem bloßen Pragmatismus der überwiegenden Anzahl der in
Darmstadt versammelten Architekten, den auch Heidegger zu spüren bekam, scheint sich
der Philosoph in ganz ähnlicher Lage gefühlt zu haben, wie sie für Hans Scharoun durch das
Protokoll der Darmstädter Tagung verbürgt ist.
So vollzog der Philosoph mit seiner Übertragung – wie unbewusst auch immer – wohl auch
die Geste einer Solidarität des Geistes, die dem Pragmatismus einer Profession entgegensteht, der von solcher Solidarität häufig gar nichts wissen möchte, obwohl doch die
Profession der Architekten wie wenige sonst auf die Solidarität des Geistes und ein philosophisches Ethos angewiesen ist, die das Bauen aus den Fängen bloß pragmatischer
Technokratie befreien. Nichts wäre Hans Scharouns Schulentwurf für Darmstadt angemessener als diese Geste des Philosophen Martin Heidegger.
M.S.

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Der Darmstädter Schulentwurf im Werk von Hans Scharoun
Matthias Schirren

Chen Kuen Lee, dem Schüler und Lehrer.
„Parsifal: Ich schreite kaum, doch wähn‘ ich mich schon weit.
Gurnemanz: Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit."
Richard Wagner, Parsifal, Ein Bühnenweihfestspiel (1882), 1. Aufzug

Scharouns Volkschule für Darmstadt integriert Bauideen, deren Ausbildung und Entfaltung
sich weit in seinem Werk zurückverfolgen lassen, über alle Zäsuren hinweg, die sein an
äußeren Veränderungen nicht armes Leben mit sich brachte. Zugleich ist es derjenige
Entwurf, mit dem die Phase der späten Berühmtheit des Architekten einsetzte. Eine Berühmtheit, die zunächst noch damit kontrastierte, dass Scharoun in der Nachkriegszeit kaum
Bauaufträge aufzuweisen hatte.4 Zu konzeptuell und zu theoretisch wirkten seine Entwürfe,
und zu schwer verständlich waren seine Erläuterungen. Ihm, dem ‚Organiker' unter den in
Darmstadt versammelten Architekten, brachten sie gar den von Paul Bonatz in Anlehnung an

4

Über Scharouns Gesamtwerk informiert grundlegend Pfannkuch: Scharoun sowie Geist / Kürvers / Rausch:
Scharoun. Eine zufriedenstellende monographische Abhandlung zur Darmstädter Schule fehlt bislang. Ansätze
dafür bietet Norbert Huse in: Hoh Slodczyk / Huse et. al.: Scharoun, S. 78-83.

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Paul Valerys Eupalinos ou l'Architecte formulierten Vorwurf ein, hier sei das Problem des
Schulbaus nicht etwa schöpferisch gelöst, sondern bloß intellektuell „zerdacht" worden.5
Scharoun ging den Schulbau, der als Aufgabe in seinem Werk, von einer Ausnahme
abgesehen,6 keine Präzedenz hatte, von der Seite des Städtebaus an. Das war nicht
ungewöhnlich. Der Schulbau im Wohn- und Stadtbezirk ist das erste Kapitel in dem 1950
herausgebrachten dreisprachigen Standardwerk Das neue Schulhaus von Alfred Roth
überschrieben. Roth war einer der einflussreichen Propagandisten der CIAM-Doktrin. In der
zweiten Hälfte der 1920er Jahre war er der Bauführer Le Corbusiers bei der Errichtung von
dessen beiden Häusern in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung gewesen. Die Kernthesen der
Scharounschen Schulbauprogrammatik sind in diesem Buch bereits formuliert: Von der
"organischen Raumgliederung", mit welchem Wort hier die Aufgliederung der Funktionen in
normale Klassenräume einerseits und Spezialräume für den Fachunterricht andererseits
begriffen wird, bis zur "funktionellen Raumform", die anhand des nischenreichen Klassenraumes für die jüngsten Schulkinder erläutert wird. In dem Buch finden sich auch die besten
Vergleichsbeispiele für Scharouns Darmstädter Entwurf: angefangen mit der Open-air
School in Suresnes, Paris (1935/36, von E. Beaudouin und M. Lods), die den Freilichtunterricht und Klassenpavillons mit jeweils zugeordnetem Außenbereich propagierte, bis hin zur
Luzerner Felsbergschule der Architekten Jauch und Bürgi (1947/48). Dort sind die 12
Klassenzimmer für die 6 – 15 Jahre alten Schüler in drei Klassentrakten hintereinandergeschaltet,

und

den

obersten

Abschluss

der

längsgestreckten

Anlage

bildet

ein

gemeinschaftlicher Musiksaal, dessen Grundrissform im Darmstädter Schulentwurf nahezu
unverändert für die Sporthalle aufgegriffen ist.7
Die eigene Entwurfssprache Scharouns lässt sich den Vergleichsbeispielen allerdings nicht
entnehmen. Auch das Eigene und etwas Widerständige seines städtebaulichen Ansatzes
nicht, dem Scharoun in seinen wortsprachlichen Neubildungen ein Pendant schuf und das
als integrierendes Moment seiner bei aller Offenheit doch auch hermetischen Entwürfe
angesehen werden kann. Es entspricht einem bildkünstlerischen Verfahren, das sich sowohl
der Bauformen wie auch der Wortbedeutungen und -klänge vornehmlich assoziativ bedient,
um sie so miteinander zu verschneiden und in Überlagerung zu bringen, dass daraus ein
neues Ganzes zu entstehen scheint. Nicht zufällig erwähnte Scharoun in seinen in Darmstadt vorgetragenen Erläuterungen den Kubismus eines Braque und eines Picasso als
Entsprechung zu seiner Architektur. Und nicht ohne Grund zog er die komplizierte und

5
6
7

Vgl. hierzu den Redebeitrag von Paul Bonatz, abgedruckt bei Bartning: Gespräch, S. 91.
Die Baugruppe in der Siedlung Zimpel, Breslau, 1927, ein Wettbewerbsbeitrag, enthält auch Schulen und
Kindergärten.
Vgl. Roth: Schulhaus, S. 35, S. 43, S. 131 ff. und S. 153 ff.

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komplexe Rede vom ‚organhaften' Bauen dem gerade um 1950 unter den Städteplanern
aller Couleur verbreiteten Allerweltswort von der ‚organischen' Architektur vor.8
1945 war Scharoun selbst für etwas mehr als eineinhalb Jahre als Stadtbaurat von Berlin
eingesetzt gewesen.9 Der damals unter seiner Leitung erarbeitete sogenannte Kollektivplan,
den die Ausstellung Berlin plant, Erster Bericht 1946 im Berliner Stadtschloss zum Thema
hatte, klingt in der Darmstädter Arbeit nach. So beispielsweise, wenn auf den aufwendigen
Ausstellungstafeln die städtebauliche Geschichte Darmstadts interpretiert wird (Abbildung 1).

Abbildung 1: Städtebauliche Entwicklung Darmstadts, Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv,
WV 174, Tafel 8.23)

Die Entwicklung Darmstadts hatte demnach bei dem „Nest" (1. Schema links außen, „Tal“)
der mittelalterlichen Stadt ihren Ursprung, wurde dann durch die Rasterplanung der klassizistischen Stadterweiterung eher behindert als gefördert („Menschlicher Wille stört gewordene
Zusammenhänge", 2. Schema mitte links, „Bauliches im Tal“) und führte im 20. Jahrhundert
schließlich zu einer Agglutination von Nestern (3. Schema, „Tal und Höhe“). Die Strukturierung der Nester zu einer übergreifenden „nesthaften“ Zelle (4. Schema rechts,
„Zellentendenz",) imaginierte Scharoun anhand eines Verkehrsplanes, dessen Vorbild in
8

9

Die glückliche Findung des Wortes "Verschneiden" für die kubistischen Überlagerungen in Scharouns
Entwürfen ist Norbert Huse zu danken Hoh Slodczyk / Huse et. al.: Scharoun, S. 83. Scharouns gesprochene
Erläuterung ist abgedruckt bei Bartning: Gespräch, S. 165-172.
Genau vom 17. Mai 1945 bis zum 5. Dezember 1946, vgl. hierzu Geist / Kürvers / Rausch: Scharoun, S. 88 u.
S. 90.

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Peter Friedrichs berühmtem Strukturplan für die Ausstellung Berlin plant, Erster Bericht zu
finden ist (Abbildung 2).

Abbildung 2: Peter Friedrich als Mitglied des von Hans Scharoun geleiteten Planungskollektivs, Strukturplan für den Wiederaufbau Berlins innerhalb des S-Bahnringes, sogenannter
Kollektivplan von 1945/46. Auf dem Plan waren einzig die historischen Straßenzüge Unter den
Linden, der Gendarmenmarkt und die Schlossstraße vor dem Schloss Charlottenburg rot markiert. Alle anderen Straßenzüge standen zur Disposition. (Scharoun-Archiv, WV 162)

Über die Figur der Stadt ist ein Netz von Verkehrsadern gelegt, das gewissermaßen ihr
Gewebe erschließt. Waren diese Straßen erster Ordnung auf Peter Friedrichs Plan vierspurig mit kleeblattförmigen Auf- und Abfahrten, so verringerte Scharoun für Darmstadt den
Straßendurchmesser entsprechend den örtlichen Bedingungen und Bedürfnissen.
Ganz ähnlich wie bei dem Strukturplan Friedrichs verzichtete Scharoun bei dem Blatt für
Darmstadt auf die Einzeichnung einer Binnengliederung und die Anbindung des alten
Straßengrundrisses, obgleich dieser natürlich trotz der Zerstörung Darmstadts und trotz
neuer Verkehrsplanungen existent war. Nahezu surreal und scheinbar beweglich (weil nicht
in einem festgelegten Straßenraster verortet) sind in die vom Verkehrsnetz umschriebenen
Gebiete lediglich städtebauliche Einheiten eingezeichnet. Die Altstadt Darmstadts ist eine
solche (zugleich die größte) Einheit, der Platz vor dem Bahnhof eine weitere, von den
übrigen sei noch die Mathildenhöhe erwähnt, das parkartig angelegte Ausstellungs- und
Wohngebiet samt Atelierhaus für die beteiligten Künstler, das im Zentrum der Ausstellung
Ein Dokument deutscher Kunst von 1901 gestanden hatte. Scharoun erläutert sie mit den
Worten: „Mathildenhöhe als bedeutendes Beispiel nesthafter Gestaltgabe."
Das Auffüllen des städtebaulichen Rahmenplanes mit ‚Nestern‘, oder wie er sie damals noch
nannte: mit ‚Zellen‘, die jeweils eine Funktion im Stadtorganismus erfüllen, hatte Scharoun

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1948/49 in Berlin exemplarisch an der sogenannten Wohnzelle Friedrichshain erprobt
(Abbildung 3).

Abbildung 3: Wohnzelle Friedrichshain, Einfamilienhäuser, Vogelschau.(Scharoun-Archiv, WV
170)

Diese Bebauung eines Geländes in der Nähe der damaligen Frankfurter Allee (später Stalin-,
heute Karl Marx-Allee) war vom Magistrat von Berlin – dem Scharoun seit 1946 nicht mehr
angehörte – zur theoretischen Bearbeitung an das von Scharoun gegründete Institut für
Bauwesen der (Ost-)Berliner Akademie der Wissenschaften gegeben worden.10 In
Scharouns Erläuterungen vom 7. 11. 1949 heißt es: „’Wohnzelle’ bedeutet, dass Forderungen hauptsächlich biologischer und geistiger Art in den Innen- und Außenräumen durch die
Gestaltgabe konkretisiert werden, dass das Inhaltliche der Aufgaben in einem wirksamen
Strukturgefüge geordnet wird." Über die als autonome Solitäre gedachten Zellen im Stadtraum heißt es weiter: „Das Gestaltbild ist ‚nesthaft', das heißt, es ist für jede Zelle
10

Nach den Quellen aufgearbeitet bei Geist / Kürvers: Mietshaus, S. 272 ff.

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Geschlossenheit mit eigener geistiger Existenz angestrebt."11 Auch seinen Schulentwurf in
Darmstadt hat Scharoun in dieser Weise als eine eigene, in sich geschlossene Zelle
aufgefasst, die wiederum kleinere Zellen in sich vereinigt.
Der Bauplatz unterhalb des als Badesee genutzten ‚Großen Woog‘ zieht sich von Osten
nach Westen leicht abschüssig entlang der Landgraf Georg-Straße. Erschlossen wird der
vielgliedrige Bau vom unteren westlichen Grundstücksende aus, das von der Teichhausstraße begrenzt wird.
An der Ecke Teichhausstraße/Landgraf Georg-Straße weitet sich der Straßenraum durch
eine unbebaut gebliebene Parzelle zum Mercksplatz.12 Dort, unmittelbar neben dem
asymmetrisch verrückten Zugang zur Volkschule hat Scharoun eines der wenigen Bauteile
seines Ensembles, die sich mithilfe von städtebaulichen Kategorien im Sinne des 19.
Jahrhunderts erfassen ließen, situiert. Bezeichnenderweise ist es allerdings kein Stück
Architektur im landläufigen Sinne. Vielmehr handelt es sich um eine blockartig erhöhte
Terrasse auf quadratischem Grundriss, die mit vier, wiederum zu einem Quadrat angeordneten Bäumen bepflanzt ist.
Die strenge Geometrie dieses Bauteiles muss zunächst verwundern. Offensichtlich hat
Scharoun das Wort Geometrie hier im Sinne der griechischen Urbedeutung des Wortes als
‚Landvermessung' aufgefasst. Denn auf diesen hervorgehobenen Punkt sind die Blickachsen
eingemessen, die vom Gelände aus möglich sind. Die Tafel Städtebaulich - Ästhetische
Beziehungen thematisiert die Linienbeziehungen zu wichtigen Punkten im Stadtraum: den
Blick zum Darmstädter Schloss, zur Stadtkirche am Markt und zum Hochzeitsturm auf der
Mathildenhöhe.
Abgesehen von diesen Fernbeziehungen bleibt die Situation der unmittelbaren Umgebung
allerdings unberücksichtigt. Weder auf den langgezogenen Bau des Elisabethstiftes an der
gegenüberliegenden Seite der Landgraf-Georg-Straße noch auf den westlich, jenseits des
Mercksplatz gelegenen Baukörper des städtischen Zentralbades (1907 errichtet von August
Buxbaum; die Grundrisskonturen erkennbar auf Abbildung 5) nimmt Scharouns Gebäudeensemble explizit Bezug (Abbildung 4).

11
12

Zit. nach Geist / Kürvers: Mietshaus,, S. 297.
Der für die Schule vorgesehen Bauplatz ist die heutige Rudolf Müller-Anlage. Die Martin Buber-Straße, die
diese Anlage heute im westlichen Bereich schneidet, existierte 1951 noch nicht. Scharoun hat im Rahmen
seiner Planung auch geprüft, in wieweit unterhalb der Schule, also auf dem Gelände des Mercksplatzes,
zusätzlich eine Berufsschule unterzubringen wäre.

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Abbildung 4: „Städtebaulich ästhetische

Abbildung 5: Lageplan 1:500,

Beziehungen“ (Ausstellungstafel Scharoun-

Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv,

Archiv, WV 174, Tafel 8.29)

WV 175, Tafel 8.30)

Die Zelle bleibt solitär in ihrer Umgebung und nur über den Fernblick mit der als Landschaft
begriffenen Stadt verbunden.
Bezogen auf die Schule selbst wiederum kann die Aussichtsterrasse als exzentrischer
Angel- und Kontrapunkt der Gesamtanlage verstanden werden. Gleichsam ins Quadrat
gebannt, unterwirft sie die Natur selbst in Gestalt der Bäume einem architektonischen
Prinzip. Vice versa entfaltet sich demjenigen, der sich von hier aus das Gebäude im Durchschreiten erschließt, eine zur (zweiten) Natur, zur vielgestaltigen Landschaft gewandelte
Architektur (Abbildungen 6–8).

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Abbildung 6: Grundriss Erdgeschoss

Abbildung 7: Vogelschau vom Südwesten, die

1:200, die quadratische Aussichts-

quadratische Aussichtsterrasse unten links,

terrasse befindet sich unten links,

Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv, WV 175,

Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv,

Tafel 8.24)

WV 175, Tafel 8.31)

Abbildung 8: Freigestellte und mit Legenden versehene Modellaufnahme; die Aussichtsterasse befindet sich hier am äußersten Rand rechts unten. (aus Bartning: Gespräch)

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Entlang eines rückgratartigen, mehrfach gebrochenen Flures, der das gesamte Gebäude
durchzieht, sind die einzelnen Baugruppen aufgereiht. Noch bevor man die Schule betritt,
passiert man zur Rechten einen niedrigen Gebäudetrakt mit der Wohnung des Hausmeisters, hinter dem der Garten des Hausmeisters sowie der Schulgarten mit Ställen für
Kleintierhaltung etc. liegen. Der gedehnte Vorplatz läuft hier in trichterförmiger Verengung
auf den Haupteingang zu. Ganz ähnlich hatte Scharoun bereits Ende der 1920er Jahre den
Zugang zur sogenannten Ring-Siedlung in Berlin-Charlottenburg ausgebildet.
Hinter dem Haupteingang schließt sich in Darmstadt rechter Hand das Haus für die Lehrerschaft an, ein mehrstöckiger Verwaltungsbau der in seinem Rücken T-förmig ein an dieser
Stelle bereits bestehendes mehrstöckiges Gebäude integrierte.13 Das Haus der Lehrerschaft
bildet den höchsten Baukörper des Gesamtensembles und lässt in der Art, wie es sich aus
der umgebenden Bebauung erhebt, schon an Projekte wie das Staatstheater in Kassel
(1953) oder die Berliner Staatsbibliothek (1966–1978, zusammen mit Edgar Wisniewski)
denken. Erstaunlicherweise hat Scharoun es in seinen Erläuterungen nicht zu einer der
‚Dominanten‘ seines Entwurfes nobilitiert. Diesen Begriff, den er eher religiös als städtebaulich

verstanden

haben

wollte,

behielt

er

drei

anderen

Baukörpern

vor,

worauf

zurückzukommen sein wird.
Dem Haus der Lehrerschaft gegenüber öffnet sich zur Linken eine Art Schulaula, die
Scharoun „große Halle" genannt hat. Die Bezeichnungen der einzelnen Bereiche und der
gehobene Ton, den sie anschlagen, verdienen Aufmerksamkeit. Die Aula wird auf einem
entsprechenden Funktionsschema als „offener Bezirk“ gedeutet, während die Klassentrakte
für die verschiedenen Altersstufen A, B, und C jeweils „Schulschaft als geheimer Bezirk"
genannt werden. Der rückgratartige Gang wird als „Weg der Begegnung" bezeichnet.
Zugleich hat der Gang aber auch – indem er sich nicht nur weitet, sondern immer wieder
auch zu den ‚Toren‘ hin verengt – den Charakter eines Initiationsweges, zumal die Klassentrakte für die jüngsten Schüler an seinem Anfang und die für die ältesten Schüler an seinem
Ende liegen.
Die Wortbildung Schulschaft für die Bezeichnung der Klassentrakte hat Scharoun von dem
Begriff Nachbarschaft abgeleitet, der wiederum bei den Stadtplanern der 1940er Jahre nichts
anderes bedeutete, als eine meist um die Kapazität einer Schule gescharte, städtebauliche
Einheit im ‚Organismus' einer Stadt. Korrespondierend damit, dass Scharoun und mit ihm
das Gros der deutschen Planer eben diesen Begriff Nachbarschaft mehr und mehr durch
den Biologismus des Wortes ‚Zelle' ersetzt hatte (siehe oben: Wohnzelle Friedrichshain),14
begreift Scharoun mit Schulschaft nun auch etwas, das Anspruch darauf macht, dem Leben
13

Vermutlich handelt es sich um das Relikt einer ehemaligen Knabenarbeitsanstalt, die sich auf diesem Gelände
befand, sie wird erwähnt bei Grund: Meisterbauten, S. 171f.
14
Geist / Kürvers: Mietshaus, S. 288 vertreten die These, dass der Begriff Nachbarschaft erst durch einen Vortrag
von Walter Gropius 1947 wieder in die deutsche Diskussion Eingang fand.

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selbst abgelauscht zu sein.15 Dass die Raumgestaltung der einzelnen Schulschaften dem
„Grad der steigenden Kräfte" (heute würden wir weniger vitalistisch aber auch unschöner
sagen: den psychischen und körperlichen Bedingungen und Fähigkeiten) der jeweiligen
Altersstufe angepasst werden sollte, ist ebenfalls kein Gedanke, den Scharoun erst an dem
Darmstädter Schulentwurf entwickelte. In seinen Erläuterungen zur Wohnzelle Friedrichshain
heißt es bereits: „So ist zum Beispiel das Problem des Heimatgefühls so abgehandelt, dass
die Folge der Gemeinschaftsräume für die Kinder in jeweils größer werdenden Außenräumen der Wohnzelle angesiedelt sind, sodass das Kind spielerisch und spielend in seinen
Lebensraum hineinwächst, um ihn, wenn es ihn völlig erfahren hat, zu verlassen".16
Scharoun sah das seelisch-geistige und körperliche Heranwachsen der Kinder in einer Art
biologischen Entwicklungsleiter, die vom Vegetativen zum Spirituellen führt, von der herdenartigen Verfasstheit in ungegliederten „Haufen" hin zu selbstbewussten Individuen, die sich in
freier Selbstbestimmung zu klar strukturierten Gruppen assoziieren.17 Deshalb öffnen sich
die kleinen, mit einem durch Pergolen geschützten Außenraum versehenen Klassenräume
für die Altersgruppe A nach Süden, und wie um den vegetativen Charakter des Lebens der
Kleinen zusammenzufassen, sollen in diesem Außenraum auch Tiere wie Kühe gehalten
werden, die in der Darstellung des Architekten Tierplastiken Ewald Matarés gleichen.

Abbildung 9: Klassenraum der Gruppe A, Perspektive und Schnittisometrie, Ausstellungstafel.
(Scharoun-Archiv, WV 175, Tafel 8.17)

15

In den Erläuterungen zum Darmstädter Entwurf heißt es über die jeweils einer Altersgruppe zugeordneten
Klassentrakte: „Ich möchte in diesem Zusammenhang von Schulschaften sprechen, um das entwickelnde
Prinzip, das mit der Gliederung verknüpft ist, sichtbar zu machen, wie wir ja auch von Nachbarschaften
sprechen." Abgedruckt in: Die neue Stadt 5, H. 5, S. 189.
16
Zit. nach Geist / Kürvers: Mietshaus S. 301. Für unseren Zusammenhang kann es zunächst unerörtert bleiben,
ob Scharoun solche Gedanken bereits in den Wiederaufbauplanungen für Warschau verwirklicht sah, die er
einen Satz vorher erwähnt, oder ob er dies nur für seine eigene Planung einer Wohnzelle voraussetzte.
17
Besser als aus den für Schriftsätze verfassten Erläuterungen geht das aus dem Protokoll seines Darmstädter
Vortrages hervor, auf die ich mich im Folgenden beziehe. Vgl. Bartning: Gespräch, S. 165-172.

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Dem Erwachen des kritischen Bewusstseins, das – im Wortsinn des griechischen krinein –
zu unterscheiden beginnt, ordnet Scharoun die reine Ost- bzw. West-Ausrichtung der
Klassenräume für die Altersgruppe B zu. Die Klassengruppe der ältesten Schüler (C)
bescheint schließlich nur das Licht der nördlichen Himmelsgegend, wie es die Maler in ihren
Ateliers ob seiner Neutralität schätzen (Abbildung 10).

Abbildung 10: Klassenräume der Gruppen B und C, Perspektivzeichnungen und Collage,
Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv, WV 175, Tafel 8.16)

Abbildung 11: Hallen (Vorräume zu den Klassenzimmern) der Gruppen A und B, Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv, WV 175, Tafel 8.18)

So manche Beobachtung oder Frage ließe sich anschließen. Nicht alle, aber viele fänden in
den Erläuterungen, die Scharoun zu mehreren Gelegenheiten über das Projekt verfasste,
eine Erklärung. Wie zum Beispiel soll man es deuten, dass den Außenbereichen der
Schulschaft C je ein Wasserbecken zugeordnet ist? Und welche Bewandtnis hat es wohl
damit, dass sich der kleine Andachtsraum für die religiöse Unterweisung, in den man gleich
nach dem Passieren der großen Aula am Eingang der Schule gelangen kann (und dessen
schmale Pforte offensichtlich nur den Einzelbesuch gestattet), über einem großen mit

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Wasser gefüllten Becken nahezu derselben Himmelsgegend zugewandt ist, wie die Klassenräume der Schulschaft C? Dass ausgerechnet der Biologieunterricht in einem eigenen
Klassenraum mit zu öffnender Decke stattfinden sollte, erscheint angesichts der Entdeckungen über die biologische und hygienische Wirkung des Lichtes im 20. Jahrhundert
folgerichtig (siehe Abbildung 8).18
Aufmerksamkeit verdient noch der Typ der Klassenpavillons selbst. Er hat große Ähnlichkeit
mit dem Flachbautyp, den Scharoun 1948/49 am Institut für Bauwesen für die Wohnzelle
Friedrichshain entwickelt hatte. Auch dort handelte es sich um Häuser mit einem jeweils von
einem Mauerzug umgebenen hofartigen Gartenraum (siehe Abbildung 3). In solchen zu
Flachbauteppichen zusammengestellten Wohnhäusern sollten in der Wohnzelle Friedrichhain Familien mit Kindern unterkommen, während kinderlosen Paaren und Alleinstehenden
entsprechend der CIAM-Doktrin die mehrgeschossigen Wohnungsbauten vorbehalten
waren. Der Architekt Chen Kuen Lee (1915–2003), der als Mitarbeiter Scharouns am
Darmstädter Schulentwurf beteiligt war, verband mit Scharoun seit der Mitte der 1930er
Jahre eine enge Schüler-Lehrer-Freundschaft. Lee war der Ansicht, dass dieser Wohnhaustyp weniger aus den niedrigen Winkelbungalows entwickelt ist, wie sie Anfang der 1930er
Jahre in den städtebaulichen Studien Ludwig Hilberseimers und Hugo Härings eine Rolle
spielten, sondern aus dem Typ des chinesischen Hofhauses selbst.19 Lee traf sich in den
frühen 1940er Jahren regelmäßig mit Hugo Häring (1882–1958) in Berlin, um die Geschichte
und den Typ des traditionellen chinesischen Wohnhauses anhand von Materialien zu
studieren, die ihm von Ernst Boerschmann (1873–1949), dem Verfasser eines vielrezipierten
Bildbandes über Baukunst und Landschaft in China20 zur Verfügung gestellt worden waren.
Scharoun hat mitunter an diesen Treffen teilgenommen, deren Protokollierung Häring in
einem Aktendeckel mit der Aufschrift Chiweb (für: Chinesischer Werkbund) verwahrte.21
Die Übertragung eines Wohnhaustypes in den Schulbau hat nach Lee ebenfalls eine
chinesische Wurzel: Im alten China nämlich kamen die Schüler noch selbst in das Haus des
Lehrers. Das häusliche Ambiente war Teil der lebensweltlich begriffenen Unterweisung für
den Schüler. Allerdings findet sich eine entsprechende pädagogische Forderung auch in
Alfred Roths Das neue Schulhaus: Dort wird einer der Väter der modernen Pädagogik, der
Schweizer Heinrich Pestalozzi (1746–1827) mit dem Ausspruch zitiert: „Das Schulzimmer
soll eine Wohnstube sein."22

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Die ausführlichen Erörterungen der Schule aus biologischer und baubiologischer Sicht, die Scharoun durch
seinen Mitarbeiter Karl Böttcher hatte ausarbeiten lassen und dem Darmstädter Entwurf beigegeben hatte,
übergehe ich für den Zusammenhang dieses Artikels.
19
Gespräch mit dem Autor im Sommer 1997 in Berlin.
20
Boerschmann: Baukunst.
21
Nachlass Häring: Archiv der Akademie der Künste. Berlin.
22
Roth: Schulhaus, S. 51.

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Scharoun spricht in seinen Darmstädter Erläuterungen, wie bereits erwähnt, von drei
‚Dominanten‘: Dem religiösen Andachtsraum, den er als Raum für die Erteilung des Religionsunterrichtes vorstellt, dem Biologiesaal und dem sogenannten ‚kosmischen Raum. (siehe
Abbildung 14) Dieser hat einen exakt gerichteten Grundriss. Wie eine verkehrt gedrehte
Kompassnadel, deren Spitze gekappt ist, südet sie gleichsam den gesamten Entwurf. Die
Südausrichtung eines Gebäudes oder einer Stadtanlage ist – Zufall oder nicht – eine der
Grundregeln des chinesischen Städtebaus, der sich hierfür auf das Fengshui beruft.
Der ‚kosmische Raum‘ liegt nicht nur ganz am Ende der langgestreckten Anlage. Sondern er
ist, bezogen auf eine gedachte Mittellinie der Anlage auch noch exzentrisch verrückt.
Insofern bildet er das Gegenstück zu der quadratischen Aussichtsterasse am Eingang der
Schule. Gegenstück auch insofern, als er nicht auf die Erde gegründet scheint, sondern sich
über einem Wasserbecken erhebt, zu dem Scharoun den das Gelände durchziehenden
Darmbach an dieser Stelle verbreitern wollte.
Über Glasscheiben öffnet sich der ‚kosmische Raum‘ nach Osten und Westen. Auf der
Südseite sind in den hohen Wänden lediglich kleine Öffnungen vorgesehen. Ihre Positionierung in der Wand und die Neigung Ihrer Laibungen sollte dem mittäglichen Sonnenstand im
Jahresverlauf entsprechen, sodass sich korrespondierende Licht- und Schattenspiele auf der
nach Norden gerichteten Innenwand abgezeichnet hätten.
Die große Vogelschau (siehe Abbildung 8) die die Darmstädter Schule von 1951 im Überblick von Westen zeigt, hat die Sonne außerhalb des Bildausschnittes angesiedelt. Die
Sonne ist hier lediglich indirekt präsent, durch ihre Strahlen, die den Baukörper des ‚kosmischen Raumes‘ umspielen, und durch von ihr herkommende Wolken. Es scheint, als habe
Scharoun in dem aus dem Wasser aufragenden Baukörper des ‚kosmischen Raumes‘
nahezu wörtlich die Passagen umgesetzt, mit denen Ernst Boerschmann in seinem erwähnten Buch die Erörterung der chinesischen Geomantik des Fengshui einleitet. Dort heißt es
über China: „Die Dreiheit Himmel, Erde und Wasser wird in der Kunst ständig dargestellt. Für
den Himmel wird alsdann nicht das Bild der Sonne gesetzt, sondern der Aether, die Luft im
Bilde der Wolken, die durch die Sonne erzeugt sind. Aus den Wellen des Wassers ragen
Felsen heraus und darüber ziehen die Wolken, ein Gleichnis der fließenden Gegenwart, der
festen Vergangenheit und der Zukunft in ihrem Schleier. In jenem Dreiklang bieten sich uns
das äußere Bild und das innere Wesen der Natur harmonisch dar."23

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Boerschmann: Baukunst, S. VIII.

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Abbildung 12: Kosmischer Raum aus der Vogelschau, Detail aus Abbildung 7

Abbildung 13: Grundriss Kosmischer Raum, Detail aus Abbildung 6.

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Wind und Wasser, Raum und Zeit.

Ein in Stufen abgesenktes Quadrat, das in einen Kreis eingeschrieben ist, befindet sich im
Zentrum des ‚kosmischen Raumes‘. Hier konnten bis zu 40 Schüler Platz finden und im
geführten Lauf der Sonnenstrahlen die Verschränkung von Raum und Zeit sinnlich erfahren.
Eine eigene Schautafel mit dem Titel Raum und Zeit thematisiert die Bedeutung, die
Scharoun diesem Raum geben wollte.

Abbildung 14: „Raum und Zeit“. Schnitt und Grundriss des kosmischen Raumes mit den im
Jahresverlauf des Sonnenlichtes auf der Innenwand angeordneten Dichterworten. Ausstellungstafel. (Scharoun-Archiv, WV 175, Tafel 8.34)

Auf ihr sind auch Dichterworte von Ludwig Uhlands Frühlingsglaube über Goethes Mailied
bis hin zu Hebbels Herbsttag so montiert, dass sie Auf- und Abstieg der Jahreszeiten
nachzeichnen. Im Zentrum stehen dabei die zweite und vierte Strophe von Hölderlins
Gedicht Lebenslauf. (Abbildung 14)
Vorläufer zum ‚kosmischen Raum‘ finden sich im Werk Scharouns etwa in jenem um 1920
imaginierten Zentralraum, den er zur Illustrierung seiner Gedanken zum Theaterraum 1920
in dem Bändchen Ruf zum Bauen publizierte.24 Auch hier strebte Scharoun die Verschmelzung von Dichterwort und (kosmisch begriffenem) Lichteffekt an.25 Gut zehn Jahre später
entwarf er den Wintergarten des Hauses Schmincke in Löbau als eine Art kleinen kosmischen Raum. Bei dessen Verglasung ging es ihm nicht nur um das Einfangen von Licht für
24
25

Abgedruckt bei Pfankuch: Scharoun, S. 20.
Zur Interpretation dieser Architekturphantasie vgl. Schirren: Freude.

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die Pflanzen, sondern auch um die Effekte, die das Spiel des Lichtes in den Fenstersprossen
und speziell geätzten Scheiben hervorbrachte. Laszlo Moholy Nagys Licht-Raum-Modulator,
ein mit den Mitteln des Konstruktivismus arbeitendes Bühnenrequisit, das aber auch als ein
in die Moderne übersetztes Weltmodell gelesen werden kann, hatte ihn zu dieser Gestaltung
angeregt.26 Doch war Scharoun nun nicht mehr – wie noch Moholy-Nagy – auf das künstliche Licht angewiesen, sondern hatte ganz im Sinne des Neuen Bauens das Spiel von Licht
und Schatten aus den Simulierungen des Theaters unter den freien Himmel des natürlichen
Sonnenlichtes gewendet.
Der geomantische Zentralbegriff ‚Fengshui‘, erklärt Ernst Boerschmann in seinem Buch,
hieße wörtlich übersetzt „Wind-Wasser, im weiteren Sinne aber die Beziehungen zur
umgebenden Natur [...], die Einflüsse der Landschaft auf die Schönheit des Bauwerks und
auf das Glück der Bewohner."27 Mit dem ‚kosmischen Raum‘, so könnte man es zugespitzt
formulieren, hat Scharoun das chinesische Fengshui mit der expressionistisch-neusachlich
gewendeten Idee eines kosmischen Bauwerkes zu vermitteln gesucht. Dass er die chinoisierenden Elemente seinem Entwurf gewissermaßen nur als Subtext unterlegte, und sich in
Darmstadt explizit nur auf die im Sinne Kants verwendeten Kategorien von Raum und Zeit
berief – kurze Zeit zuvor durch Siegfried Giedions Space Time and Architecture funktionalistisch geadelt –28 ist folgerichtig. Auch innerhalb des Darmstädter Schulbaus unterschied
Scharoun ja den ‚offenen Bezirk‘ der Aula nahezu kategorial von der ‚Schulschaft als
geheimen (sic!) Bezirk‘. Als Subtext, oder romantisch gesprochen: als Geheimlehre durchzieht nicht nur die Idee einer kosmischen Architektur, sondern auch die Auseinandersetzung
mit fernöstlichen Traditionen Scharouns gesamtes Werk nach dem Zweiten Weltkrieg.
Die Freilegung solcher Implikationen scheint den Verdacht Paul Bonatz' zu untermauern,
dass Scharoun tatsächlich des Guten zu viel tat, dass er den Darmstädter Schulentwurf
gedanklich überfrachtete. Die Entscheidung Darmstadts, die der Stadtkämmerer Feick 1954
brieflich Hans Scharoun mitteilte, wäre somit gerechtfertigt. Feick machte deutlich, dass es
nicht nur am Geld mangele, den Entwurf zu verwirklichen, sondern dass, selbst wenn der
Entwurf eines Tages finanzierbar sei, er wohl von den zuständigen Gremien dennoch nicht
beschlossen werden würde.29
Hat Scharoun tatsächlich das Problem des Schulbaus ‚zerdacht‘, wie Paul Bonatz meinte?
In Darmstadt 1951 hat José Ortega y Gasset die passende Antwort auf Bonatz' Anwurf
gefunden. Noch bevor Scharoun selbst das Wort erteilt bekam, meldete sich der spanische
26
27
28

29

Vgl. hierzu Kürvers: Scharoun Schmincke .
Boerschmann: Baukunst, S. VIII
Giedion: Space. Giedions Buch erschien erst 1965 in deutscher Sprache, ob Scharoun es um 1950 schon
kannte ist fraglich. Allerdings hatte Giedion entscheidende Gedanken zum Thema Raum, Zeit und Architektur
schon 1928 in Giedion:Bauen formuliert.
Brief vom 11. 5. 1954. Nachlass Scharoun, Akademie der Künste, Berlin.

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Wind und Wasser, Raum und Zeit.

Gelehrte und sprach: „Es ist nur ein einziges Wort, das ich dem Herrn Bonatz sagen möchte,
nämlich: dass der liebe Gott den Zerdenker brauchte, damit die anderen Tiere nicht fortwährend in Schlaf fielen." Das Publikum quittierte dies mit „Lachen" und „Beifall".30
Hans Scharoun hat seinen Darmstädter Schulentwurf etwas später nahezu unverändert in
die Planung für die Siedlungszelle Charlottenburg Nord (1954-1961) übernommen. Auch für
die Ausarbeitung seiner bekannten Schulen in Lünen (1955–1962) und Marl (1960–1971)
griff er auf das Projekt zurück. Den zentrierten und dennoch gerichteten Grundriss des
‚kosmischen Raumes‘ amalgamierte er nicht zuletzt in sein Opus magnum, die Berliner
Philharmonie (1957–63)
Für die Architektur der 1950er und -60er Jahre gibt es keinen folgenreicheren Entwurf als
den Hans Scharouns für das Darmstädter Gespräch Mensch und Raum.
Abbildungen
Sämtliche Ausstellungstafeln sowie die Vorlagen zu Abbildung 3 und 4 entstammen
dem Hans Scharoun-Archiv bei der Akademie der Künste, Berlin. Ich danke der
Akademie für die Erlaubnis, sie hier publizieren zu dürfen.
Literatur
Bartning, Otto (Hrsg. im Auftrag des Magistrats der Stadt Darmstadt): Darmstädter Gespräch
– Mensch und Raum, Darmstadt 1952.
Bender, Michael / May Roland (Hrsg.): Architektur der fünfziger Jahre. Die Darmstädter
Meisterbauten, Darmstadt 1998.
Boerschmann, Ernst: Baukunst und Landschaft in China. Eine Reise durch zwölf Provinzen,
Berlin 1923.
Geist, Johann Friedrich / Kürvers, Klaus / Rausch, Dieter: Hans Scharoun. Chronik zu Leben
und Werk, Berlin 1993.
Geist, Johann Friedrich / Kürvers, Klaus: Das Berliner Mietshaus, Band 3, München 1989
Giedion, Sigfried: Space, Time and Architecture. The Growth of a New Tradition, Cambridge
1941.
Ders.: Bauen in Frankreich Bauen in Eisenbeton, Leipzig 1928.
Grund, Peter: „Die Meisterbauten auf der Ausstellung ‚Mensch und Raum' Darmstadt 1951",
in: Die Neue Stadt, 5. Jg. 1905, S. 171f.
Heidegger, Martin, Begegnungen mit Ortega y Gasset, in: Ders., Gesamtausgabe Bd. 13, 2.,
durchgesehene Auflage, Frankfurt 2002, S. 127ff.
30

Vgl. Bartning: Gespräch, S. 93.

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Wind und Wasser, Raum und Zeit.

Hoh-Slodczyk, Christine / Huse, Norbert / Kühne, Günther / Tönnesmann, Andreas: Hans
Scharoun, Architekt in Deutschland 1893–1972, München 1993.
Kürvers, Klaus: „Hans Scharoun en het ontwerpproces voor zijn Wonnhuis Schminke“, in:
Risselada, Max (Hrsg. im Auftrag der TU Delft): Functiionalisme 1927–1961. Hans Scharoun
versus de Opbouw, Delft 1997.
Pfankuch, Peter (Hrsg.): Hans Scharoun, Bauten, Entwürfe, Texte, Berlin 1993.
Roth, Alfred: Das neue Schulhaus, Zürich 1950.
Schirren, Matthias: „An die Freude. Wassili Luckhardts Denkmal der Arbeit als Monument,
Maschinerie und Amalgam“, in: Gleiniger, Andrea / Hemken, Kai-Uwe / Hünnekens, Ludger /
Philipp, Klaus Jan (Hrsg): Der Klotz. Festgabe für Heinrich Klotz, Ostfildern 1995/96.

Prof. Dr. phil. Matthias Schirren lehrt Geschichte und Theorie der Architektur an der Technischen Universität Kaiserslautern; Publikationen und Ausstellungen zu Kunst und Architektur
seit 1800, zuletzt Richard Meier. Building as Art, im Arp Museum Bahnhof Rolandseck,
Remagen 2012 (zusammen mit Sylvia Claus, Zürich).

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